SPIEGEL-AI-Chef: »Bei Fakten traue ich KI keinen Meter«
22 Fragen an Ole Reißmann, Leiter Künstliche Intelligenz beim SPIEGEL
In der heutigen Interview-Ausgabe: Ole Reißmann, Leiter Künstliche Intelligenz beim SPIEGEL. Er zählt zu den führenden Köpfen für KI in der deutschen Verlagsbranche. Reißmann verhandelt mit großen Plattformen, schult Mitarbeitende im Umgang mit KI, entwickelt maßgeschneiderte Tools für den Redaktionsalltag und entwirft neue Produkte für die Leserschaft.
Der AI-Experte hat klare Vorstellungen davon, wo die größten Chancen für KI liegen, teilt seine Gedanken regelmäßig in seinem Newsletter. Und er hat eine ebenso klare Vorstellung, wo beim Nutzen von Künstlicher Intelligenz Grenzen nötig sind, um die journalistische Integrität zu wahren, besonders in einer Zeit, in der Chatbots immer allgegenwärtiger werden.
Der SPIEGEL nutzt KI gezielt beim Fact-Checking, erzählt Reißmann. Die Dokumentationsabteilung und die IT haben dafür Tools entwickelt. Sie checken Artikel Satz für Satz und verifiziert Fakten, bevor die Dokumentare eingreifen.
Eines allerdings sei unverrückbar, sagt Reißmann: »KI schreibt beim SPIEGEL keine Texte – und das bleibt so.« Das Medienhaus stehe für Originalität, nicht für Durchschnitt. Stattdessen komme die Technik dort zum Einsatz, wo sie wirklich ergänzt - bei Recherche und Qualitätskontrolle. Das Ziel: Exzellenz und Präzision.
In den folgenden 22 Fragen erklärt Reißmann, welche KI-Tools ihn im Alltag wirklich weiterbringen, warum er sich freut, wenn KI Unsinn erzählt. Und welcher Selbstversuch mit einem Chatbot sich als dumme Idee entpuppte.
1. Welche drei KI-Tools würdest du sofort vermissen – und warum tun sie dir so gut?
GPT-5. Wenn die Mechanik funktioniert und das große Denkmodell anspringt, ein paar Scripte schreibt oder ein Thema umreißt.
Claude Sonnet 4. Nutze ich als ersten Gegenleser und Sparringspartner. Tut, was es soll, und kumpelt nicht komisch rum.
Google Colab mit Gemini. Kleine Python-Anwendungen erstellen, im Browser laufen lassen, Fehler direkt mit KI beheben.
2. Was war bislang dein größter KI-Fail?
Ich habe mich von Überschriften leiten lassen. Klassiker. Wenn man aufgeregte Berichte über Studien liest, was KI alles nicht kann oder wieder einmal grotesk versagt, immer gut auf die Methode schauen: Forschung hängt oft Monate hinter der aktuellen Entwicklung zurück, was noch für GPT-3.5 irgendwann 2022 galt, muss für GPT-5 womöglich so nicht mehr gelten.
3. Bei welcher KI-Antwort hast du zuletzt laut gelacht?
Es gab zuletzt so eine Art Hoffnung, dass KI nicht lustig sein könne. Neulich beim Onboarding von neuen Mitarbeiter:innen habe ich GPT-5 auf die Probe gestellt: »Was kann man zu neuen Mitarbeitern sagen, aber nicht in einer Beziehung?« Eine Frage wie aus diesem Comedy-Format, das auf TikTok gerade gut funktioniert, »falsch, aber lustig«. Die Antwort: »Die Probezeit beträgt sechs Monate.« Kann jetzt jede und jeder selbst entscheiden, wer da schlechter aussieht: mein Humor, ChatGPT oder die deutsche Comedy.
4. Gibt es ein KI-Tool, das kaum jemand kennt, aber jeder nutzen sollte?
Das Medienunternehmen Every publiziert nicht nur gute Artikel zu KI, sie bauen auch einen Texteditor namens Lex. Der ist schon interessant. Was mir noch fehlt: KI-Autocomplete. Also wenn ich tippe, soll die Maschine in meinen Dateien und Texten semantisch suchen und mir schon Vorschläge liefern. Programmierer haben es da besser, deren Entwicklertools haben das längst. Man kann das ansatzweise testen, indem man einen KI-Codeeditor wie Cursor als Schreibmaschine nutzt, ein Projekt anlegt und da seine eigenen Texte reinkopiert oder über MCP abholt.
5. Wofür ist KI zu dumm?
Puh, »dumm« ist eine Vermenschlichung, die nicht wirklich hilft, oder? Das Weltwissen komprimiert in einem Chatbot, das ist alles andere als dumm. Wenn die Frage ist, wofür eignen sich die Wahrscheinlichkeitsrechenmaschinen nicht, dann würde ich sagen: als Ersatzmenschen. Die Anbieter trainieren Gefühlssimulationen in die Modelle, die täuschend gut Verständnis faken. Leute gehen sogar parasoziale Beziehungen zu LLMs ein. Das sollten wir lieber sein lassen. Das wirkt, als hätten die Entwickler den Film »Her« gesehen und sich überlegt: Supergut, genau so bauen wir den Kram jetzt. Der Film ist von 2013 und eine verdammte Dystopie.
6. Welche Aufgabe gibst du niemals an KI ab?
Ich habe diese ganzen »second brain«-Tools immer noch nicht für mich entdeckt. Fabric, Kortex, Mymind und wie sie alle heißen, Notizen mit KI-Unterstützung. Ich probiere die aus, aber es macht mir mehr Spaß, wenn ich selbst durch Lesezeichen klicke, nachdenke, Verbindungen herstelle. Aber hey, jede und jeder, wie sie oder er mag. Vielleicht laufe ich auch noch über.
7. Was machst du, wenn ChatGPT wieder mal Märchen erzählt?
Mich freuen. Ernsthaft, ich probiere mit dem Zeug rum, ich bekomme mehr oder weniger gute Outputs, aber wenn ich es darauf anlege, dass ChatGPT kreativ ist, unerwartet, märchenhaft und das klappt, dann ist das eine freudige Überraschung. Kommt nicht oft vor. Diese Maschinen produzieren ja Durchschnitt, die sind vom Prinzip her langweilig und erwartbar, außerdem noch künstlich beschnitten.
8. Was lässt du die KI machen, obwohl du’s auch selbst könntest – und es dir fast ein bisschen peinlich ist?
Texte auf einfache Fehler durchlesen. Ich war mal Schlussredakteur.
9. Welches KI-Tool, das du ursprünglich nur für die Arbeit genutzt hast, nimmst du jetzt auch privat?
Das funktioniert bei mir eher andersherum.
10. An welcher Stelle bist du durch KI heute richtig faul geworden?
Fehlermeldungen irgendwelcher Programme. Kopiere ich direkt in einen Chatbot.
11. Wo traust du der KI keinen Meter – und kontrollierst immer doppelt?
Bei Fakten.
12. Welcher KI-Mythos nervt?
Alles rund um AGI, also der Super-Intelligenz. Ist ein Marketing-Trick, und niemand weiß, was es eigentlich bedeutet. Steht auf meiner Liste der zehn Dinge, die Journalist:innen dringend über KI wissen sollte.
13. Welches Projekt wäre ohne KI unmöglich gewesen?
Privat: Ich wollte eine minimalistische Website und habe mir ein Wordpress umgebogen. Mit Hilfe von Claude: unterschiedliche Typen von Einträgen, Sortierung hier, ein Button für Zusammenfassungen.
14. Was würdest du einer KI niemals anvertrauen?
Immer den Daten hinterher: Wenn die KI in der Cloud wohnt (jetzt rede ich auch schon so), dann können die Anbieter die Eingaben prinzipiell lesen. Oft werden sie auch gespeichert, für künftige Modelle. Auch Behörden oder Hacker könnten versuchen, mitzulesen. Wo sitzt die Firma, wo stehen die Server? Man kann einige KI-Modelle auch lokal auf dem eigenen Computer laufen lassen, dafür reicht schon ein drei Jahre altes MacBook Air und ein Programm wie Ollama.
15. Deine beste Methode für bessere Prompts?
Das jeweilige Modell selbst fragen, wie der Prompt bessere Ergebnisse liefern kann. Die neuen Modelle wissen so etwas mittlerweile ganz gut. Für GPT-5 gibt es außerdem einen offiziellen Prompt-Optimierer.
16. Was war dein wildester Selbstversuch mit KI – hat’s geklappt?
Ich habe mir mit GPT-5 einen ambitionierten Marathon-Trainingsplan erstellt und bespreche meine Trainingseinheiten mit dem Ding. Das ist eine dumme Idee, aber ich rede mir ein, dass ich einschätzen kann, was ich da mache. Ob das klappt, sehen wir (hoffentlich) am 21. September in Berlin.
17. Welches Prompt-Beispiel hast du zuletzt geklaut, weil es zu gut war?
Ist schon eine Weile her, aber ich habe irgendwo gesehen, wie jemand fürs Coden erst seinen Plan skizziert und dann fragt: Verstanden? Logisch? Hindernisse? Unklarheiten? Funktioniert auch bei Datenanalysen oder die Arbeit mit Dokumenten. Erstmal gucken, ob die Daten lesbar sind. Etwas fragen, was man selbst schon weiß.
18. Was lernt man über sich selbst, wenn man mit KI schreibt?
Ist eine Phrase aus dem KI-Kosmos, aber: Schrott rein, Schrott raus. Wenn man gute Gedanken hat, kann man mit KI mehr rausholen. Wenn man faul kurze Anweisungen tippt, wird’s höchstens mittelmäßig.
19. Welche KI-Frage hörst du ständig – und kannst sie nicht mehr hören?
Mehr fragen! Wir erleben einen beispiellosen Hype, gleichzeitig eine fast schon unheimliche Technologie, da sollen bitte alle immer alles jederzeit fragen.
20. Was sollte dir eine KI unbedingt mal abnehmen, tut’s aber noch nicht?
Ich finde KI gut, wenn sie mich fordert, wenn sie mich zwingt, besser, kreativer, schlauer zu sein. Nicht als Abkürzung.
21. Wann hast du zuletzt gedacht: »Das hätte ich besser ohne KI gemacht«?
Matheaufgaben, die KI dann immerhin mit einem Python-Script sauber löst. Aber das ist eine Faulheit, die direkt in die Verdummung führt.
22. Wen würdest du sofort für diese Interview-Reihe nominieren und warum?
Francine Sucgang kennt sich aus mit KI, Daten, Sprache – und so wie ich früher ein »digital native« war, gehört sie zur Generation der »AI natives«.
That’s all for today folks!
Happy week!
Matthias






